Lehrbuch Seite 2 – Muster

Tischtennis Training mit dem Plastikball

5.1 Ich über mich

Dieses Lehrbuch – oder interaktives Online-Lehrbuch – spiegelt das Wissen eines Spielers und Tischtennistrainers wieder, der seit über 45-Jahren Tischtennis spielt (höchste Spielklasse:  2. Bundesliga) und seit 35-Jahren als Trainer (höchste Spielklasse: 1. Bundesliga) tätig ist. Mit über 25 Meisterschaften, von dem Aufstieg in die 1. Bundesliga (TTC Kassel) bis zum Aufstieg in die Bezirksliga war alles dabei. 

5.2 Meine Erfahrungen mit dem Plastikball

5.3 Veränderte Sprungeigenschaften des Plastikballs:

1) Der Plastikball ist langsamer im Flug. 

2) Man bekommt weniger Rotation in den Aufschlag. 

3) Man hat weniger Rotation im Topspin. 

4) die Geschwindigkeit des Balles nimmt im Flug ab, er stürzt sozusagen ab. 

5) Die Bälle springen höher ab.

6) Die Bälle stehen im Kurz-kurz-Spiel mehr über dem Tisch.

 

Aus Sicht des Trainers:

Als Trainer müssen nun Lösungsansätze gefunden werden, um für das Dilemma mit dem Plastikball ein Training zu finden. Es muss nun eine neue „Plastik Ball Taktik“ ausgedacht und trainiert werden.

5.4 Was ist zu tun? 

Da der kurze Aufschlag bei bestimmten Tischen und Bällen nicht mehr funktioniert, in unserer Liga weder Tische noch Bälle vorgegeben sind, muss eine Taktik gefunden werden, die unabhängig vom Ball umsetzbar ist.

Folgende Gedankenspiele: 

5.4.1 Kurzer Unterschnittaufschlag 

Da jeder kurze Aufschlag geflippt werden kann, muss dieser verändert werden. 

Lösung: Der kurze Unterschnittaufschlag wird durch einen halblangen Aufschlag ersetzt. Ein halblanger Aufschlag kann auch nur mit Risiko als Bananen-Flip oder Flip gespielt werden. Hiermit würde ich wieder den Gegner nötigen als Rückschlag einen Schupf zu wählen.

5.4.2 Aufschlag mit Seitschnitt kurz

Kurze Seitschnitt Aufschläge können immer mit Bananen-Flip gespielt werden. Hier empfehle ich den Aufschlag mehr über Mitte zu spielen und ihn auch etwas länger zu platzieren, da der Rückschläger über Vh- oder Rh-Flip nachdenken muss und die Flip-Qualität leidet. 

5.4.3 Rückschlag 

Das Flip-Training vor allem der Bananen-Flip sollte im Trainingsplan häufiger vorkommen, da das Rückschlagspiel mehr über Flip aufgebaut werden sollte. Auch das Training von Rückschlägen gegen Flip sollte in den Fokus rücken.

5.4.4 Lange Aufschläge 

Lange Aufschläge als taktisches Mittel kommen wieder mehr in den Mittelpunkt, da ich mich sofort auf ein schnelles Spiel einstellen kann und es doch erheblich leichter ist, mit Block zu spielen (Punkt 3). Hier ist jedoch die Platzierung des Aufschlages sehr wichtig, um nicht sofort einen aggressiven Topspin zu kassieren.

5.4.5 Platzierung 

Viel wichtiger ist im Spiel mit dem Plastikball die Platzierung geworden. Da weniger Tempo und Rotation im Topspin ist (Punkt 1 und 3) werden kaum noch Punkte mit Spinwechsel erzielt. Auch das Tempo im Topspin wird hinter dem Tisch langsamer, da der Ball erheblich an Tempo verliert (Punkt 4). Ich empfehle, dass das Tischtennisspiel jetzt mehr über die Winkel des Tisches aufzubauen ist, d.h. man muss über die tiefe Vorhand und die tiefe Rückhand spielen. Ein probates Mittel hierfür ist der Seitspin. Totgesagte Grundschläge wie der Sidespin werden nach meiner Meinung eine Renaissance erleben. Ich persönlich baue zurzeit in mein Topspin-Topspin Training den Sidespin ein. 

Das sieht wie folgt aus: Nach maximal zweimal Vorhand-Topspin wird als dritter Schlag immer der Vorhand-Sidespin in die weite Vorhand gespielt. Das ändert den Spielrhythmus und bringt den Gegner aus dem Konzept.

5.4.6 Schmetterball 

Auch der Schmetterball lebt wieder auf. Da der Plastikball die Eigenschaft hat auf 

dem Tisch hoch abzuspringen (Punkt 5) kann er auf dem höchsten Punkt auch mit einem Schmetterball, statt Gegentopspin, gespielt werden.

5.4.7 Fazit:

Wie aus den obigen Anmerkungen zu sehen ist, hat sich das Tischtennisspiel erheblich verändert und dabei haben wir noch gar nicht über das Abwehrspiel unterhalten. Für Abwehrspieler ist der Plastikball auch eine Katastrophe, da sie nicht mehr so gefährlich mit Schnittwechsel abwehren können.

Als Ergebnis ist festzuhalten, dass das Training auf die Spieleigenschaften des Plastikballs angepasst werden muss.

 

5.5 Neue ABS Bälle in 2019

Im Jahr 2019 kam dann eine neue Ball-Generation mit Naht auf den Markt, die wieder etwas mehr Schnitt/Rotation und ein dem Zelluloid Ball ähnliches Absprungverhalten besitzt. 

Wir spielen nun im Verein den Joola PRIME 40+ und ich meine, dass mein Spiel schon wieder etwas besser geworden ist. 

Also ein kleiner Hoffnungsschimmer am Ballhimmel. Ob die Sprungeigenschaften jemals den Zelluloidball erreichen bezweifele ich. 

5.6 Welche Änderungen ergeben sich für das Training?

Kommen wir nun zu den Änderungen die sich für das Training ergeben, oder wie muss das Training umgestellt werden. 

Denn eins ist klar, bis jetzt gibt es noch kein Lehrbuch, die auf diese Fragestellung eingegangen ist. 

Hat sich das Training im Allgemeinen, die Anfängerschulung oder sogar die Tischtennislehre verändert und muss diese neu geschrieben werden. 

Ja ich behaupte sogar das Anfängertraining, Jugendtraining muss überdacht werden. Eine neue Trainingslehre muss geschrieben werden und wird mit diesem Buch nun vorgelegt.

5.7 Statements zum Plastikball 

Damit ihr nicht nur meine Meinung zum Plastikball aufgezeigt bekommt, habe ich mal Stimmen zum Plastikball gesammelt.

 

 

5.7.1 Matthias Landfried über den Plastikball

Hier Auszüge aus einem Artikel der TTNews: Matthias Landfried über die neuen Plastikbälle:

»Erstmal muss man sagen, dass es nicht den Plastikball gibt, sondern unterschiedlich hergestellte Plastikbälle, die sich spürbar anders spielen. » 

»….. und es wird auch Spieler geben, für die die Umstellung auf Plastikbälle eine Katastrophe ist.« 

»Am meisten wird den Spielern auffallen, dass der Ball nicht mehr so viel Rotation annimmt, man sich also schwerer tut, einen Aufschlag mit einer guten Qualität (vor allem in Sachen Schnittvariationen und maximaler Rotation) zu spielen, auch Schnittabwehr von Abwehrspielern ist etwas entschärft und man hat auch Spineinbußen beim Topspin.«

»……. werden immer wieder Situationen entstehen, in denen Bälle ungewohnt (ver)springen und man schätzt Rotation und Ballabsprung öfters falsch ein, vor allem weil man sich jahrelang an Dinge gewöhnt hat, die jetzt plötzlich anders sind, da dauert es ein bisschen, bis der »Kopf umgestellt« hat. Insbesondere das Aufschlag-Rückschlag-Spiel wird für viele anfangs einige »Überraschungen bieten«.«

»Meiner Meinung nach ist es nicht nur schwieriger, dem Ball Rotation zu verleihen, sondern ich habe auch den Eindruck, dass die Rotation schneller nachlässt, was es (nicht für alle) einfacher machen kann, Aufschläge (nach einer gewissen Eingewöhnungsphase) zu retournieren und auch das Blockspiel dürfte den meisten einfacher vorkommen.

Nicht nur die Rotation lässt schneller nach, auch die Geschwindigkeit nimmt schneller ab, sobald der Ball den Schläger verlassen hat.«

»Meiner Meinung nach ist es nicht nur schwieriger, dem Ball Rotation zu verleihen, sondern ich habe auch den Eindruck, dass die Rotation schneller nachlässt, was es (nicht für alle) einfacher machen kann, Aufschläge (nach einer gewissen Eingewöhnungsphase) zu retournieren und auch das Blockspiel dürfte den meisten einfacher vorkommen.

Nicht nur die Rotation lässt schneller nach, auch die Geschwindigkeit nimmt schneller ab, sobald der Ball den Schläger verlassen hat.

Gewöhnen muss man sich an den unterschiedlichen Absprung der Bälle, denn je nach Schlag (aber auch je nach Ball-Fabrikat!) springen Bälle meistens höher, aber manchmal auch flacher ab.«

»Aber nicht nur die Absprunghöhe ist ein Thema, sondern auch die Länge der Bälle, z.B. stehen im Aufschlag-Rückschlag-Spiel die Bälle im kurz-kurz oft mehr über dem Tisch. Daher muss man vor allem in der Anfangsphase der Umstellung etwas mehr Fokus auf das Training dieser Bälle über dem Tisch legen und teilweise auch ganz isoliert die verschiedenen Rückschläge trainieren, kurzer Rückschlag, langer aggressiver Schupf, klassischer Flip, RH-Banane, usw., aber auch den Topspin über dem Tisch, wo es weniger tief-hoch gibt, sondern Schläger über Tischniveau und mehr nach vorne ziehen. Alleine schon weil dem Aufschlag etwas die »Flügel gestutzt« wurden, kann man oft aggressiver attackieren.«

»In der Umstellungsphase auf die Plastikbälle können auch halblange Bälle ein probates Mittel sein, da sie den Gegner sowieso vor die Schwierigkeit stellen, ob der Ball lang genug für einen Topspin hinter dem Tisch ist oder ob man den Ball über dem Tisch nehmen muss und dazu kommen jetzt noch die ungewohnten Ballabsprünge und -längen, die für eine erhöhte Fehlerquelle sorgen.«

»Gegen stärkere Gegner reichen einfache Schupfbälle nicht aus, hier muss noch mehr auf eine gute Platzierung geachtet werden. Wenn nicht richtig flach und kurz, dann lieber richtig lang, aggressiv und schnell, Platzierungen zum Beispiel Ellbogen oder weite Vorhand.»

»Nicht nur am Tisch muss man mehr »in die Bälle gehen«, Körpereinsatz und früher am Ball sein, auch beim Gegentopspin verkürzt sich die Distanz zum Tisch etwas, um die Bälle etwas früher nehmen zu können. Wenn man die Bälle fallen lässt, muss man viel »arbeiten« um die Bälle gegenzuziehen und kann manchmal auch nur noch »heben«.«

5.7.2 Timo Boll über den Plastikball

Auch hier einige Auszüge von Timo Boll aus einem Video: Timo Boll Webcoach Blog: Umstellung zum Plastikball:

»Der Zelluloidball war der schnellere Ball, vor allem hat er hinter dem Tisch nicht so schnell an Speed verloren (Halbdistanz).«

»…je mehr Kreide auf den Bällen ist (Plastikball) desto weniger Grip und Rotation hat der Plastikball und die neuen Plastikbälle verlieren schnell an Geschwindigkeit, stürzen eigentlich ab, zum Beispiel beim Topspin gegen Topspin Spiel.«

»Man muss näher am Tisch bleiben, weil die Bälle deutlich schneller fallen.»

»Die Plastikbälle sind von Hersteller zu Hersteller deutlich unterschiedlich (Dezember 2017). …. Mann muss sich ständig umstellen.» 

»Beim Vorhand Topspin gegen Unterschnitt öffne ich den Schläger und schaufle mehr den Ball, … früher habe ich mehr versucht den Ball zu streicheln (dünn zu treffen), das bringt heute nicht mehr so viel, da man nicht mehr so viel Rotation in die Bälle bekommt.«

»Die Platzierung wird somit wichtiger …..«

»Legt Euch viele verschiedene Bälle zu, um vor den Spielen mit diesen ein- oder zweimal zu trainieren. Die Anpassung, an die sprung Eigenschaften der jeweiligen Bälle, ist wichtig.«

6.  Kapitel: Training für Erwachsene

6.1 Allgemeines zum Tischtennissport

Tischtennis zählt zu den am häufigsten ausgeübten Sportarten auf der Welt, besonders im Fernen Osten genießt diese Sportart hohes Ansehen. Die Popularität der Sportart ist ungebrochen,  allein in Deutschland schätzt man die Zahl der Hobby- und Freizeitspieler auf über vier Millionen.

Im deutschen Tischtennisbund dem Dachverband aller deutschen Tischtennisvereine sind ca. 700.000 Spieler organisiert von denen ca 500.000 regelmäßig an Wettspielen teilnehmen.

Tischtennis wird heute überall gespielt, zu Hause, Parks, Freibädern, Schulen, Betrieben und vor allem in Vereinen. Hervorheben möchte ich noch den Seniorensport und den Behindertensport. 

Vor allem im Behindertensport wird in fast allen Schadensklassen mit und ohne Rollstuhl Tischtennis am häufigsten gespielt. 

Als Trainer des Rollstuhl Clubs Frankfurt (1. Bundesliga/4 Jahre) habe ich selber Erfahrungen im Behinderten Sport gesammelt. Ich kann jedem Spieler mal empfehlen sich in einen Rollstuhl zu setzen und zu erfahren, wie schwierig Tischtennis mit Handicap zu spielen ist. 

 

Deutschland hat vor allem im Herren-Tischtennis in Europa eine Vormachtstellung erlangt. Ein Name sticht hier heraus – Timo Boll. Er gewann sechs Europameistertitel im Einzel, gewann 2011 Bronze bei den Weltmeisterschaften und war mehrmals die Nummer eins der Welt. 

Als Co-Trainer des Hessischen Tischtennisverbandes konnte ich Timo schon im Alter von 10 Jahren kennenlernen. Sein Talent war in dieser Zeit schon zu erkennen und durch die Förderung von Helmut Hampel (damals Trainer beim HTTV) wurde er in kurzer Zeit Bundesligaspieler und später Weltstar. 

Um in einer höheren Liga spielen zu können, muss mit dem Tischtennissport schon sehr früh (ca. 6-7 Jahre) begonnen werden (meine persönliche Trainersicht).

Weiterhin muss von Anfang an ein ausgebildeten Trainer das Training übernehmen. Denn nur mit einem systematischen Trainingskonzept, können die Grundlagen der Tischtennis Technik von klein auf vermittelt werden. 

6.2 Bedeutung der Tischtennis Technik

Die Steigerung der sportlichen Leistung hängt wesentlich von der Ausbildung des Tischtennis Spielers ab. Zur erfolgreichen Herausbildung der Fertigkeiten des Tischtennis Spielers muss der Trainer ein allgemeinverständliches Bewegungsmodell für jede Grundtechnik herausarbeiten und für seinen Schützling anwenden. 

Bevor wir mit dem Erlernen eines Modells beginnen, müssen wir uns auf ein Modell für das Jahr 2020 einigen. Ausgehend von dieser Frage schauen wir uns die vorhandenen Spielstrategien an. Unterschieden wird der
– Vh-orientierter Angriff

– Beidseitiger Angriff

– Rh-orientierter Angriff

– Moderne Abwehr.

6.3 Welches Spiel-Modell im Jahr 2020 

Ich habe die jungen internationalen Talente im Jahr 2019/2020 angeschaut und Tendenzen für das moderne Tischtennisspiel 2020 herausgearbeitet. 

Es sind klare Tendenzen zum aggressiven Topspin Spiel am Tisch zu erkennen. Folgende junge Spieler wurden untersucht:

Spieler: Alter Weltrangliste März 2020:

1. Fan Zhendong (China) 23 2

2. Harimoto Tomokazu (Japan) 17 5

3. Lin Yun-JU (Taipeh) 19 6

4. Wang Chuqin (China) 20 17

5. An Jae-Hyun (Südkorea) 21 39

Ich habe Euch mal ein paar Bälle herausgesucht, um Euch einen Eindruck zu vermitteln, was in der Weltspitze für Tischtennis vor allem direkt am Tisch gespielt wird. 

Beispiel: Lin Yun-Ju (Taipeh)

6.4 Fazit

Lin Yun-Ju gehört zu den jungen Tischtennisspielern, die sehr aggressiv am Tisch spielen und versuchen alle Bälle mit Gegentopspin (Vorhand als auch Rückhand) zu spielen.

Diese Art des Tischtennisspiels ist nach meiner Ansicht, das moderne Tischtennis Spiel 2020 und wird uns das nächste Jahrzehnt begleiten. Direktes Spiel am Tisch mit Vorhand und vor allem mit Rückhand Gegentopspin. Ein sehr gutes Aufschlagspiel und möglichst jeden (zumindest häufig) Rückschlag mit Bananenflip zu spielen. 

Voraussetzung für dieses Spiel ist eine herausragende technische Ausbildung und kurze Schlagausführungen hinsichtlich jeder Technik (Vh-Topspin, Rh-Topspin). Für lange Ausholbewegungen gibt es keine Zeit mehr.

Diese Art von Tischtennisspiel wird auch von Wang Chuqin und Harimoto Tomokazu (alles junge Spieler), der mit Rückhand mehr Konterschuss spielt, praktiziert. 

Diese Art von Tischtennis-Spiel wurde erst mit der Einführung des Plastikballes möglich und soll hier im Lehrbuch, sowie meinen Tischtennis Kursen vermittelt werden.